· 

Das Weihnachtswunder

Eine weihnachtliche Kurzgeschichte für den Autoren Adventkalender 2019.

25. November

 

„Das Gleiche wie immer?“

Carley bekam wie jeden Tag nur ein Nicken und ein bezauberndes Lächeln von ihm. Für einen Moment versunken in seinen tiefblauen Augen besann sie sich auf ihre Arbeit und bereitete seinen Coffee to go zu. Wie sehr sie sich doch wünschte, er würde nur für ein einziges Mal in ihrem Café sitzen bleiben und seinen Cafe Americano an einem der kleinen Tische trinken, doch dies ist bisher nie vorgekommen. Er kam nur jeden Morgen in den Laden, bestellte sich immer das Gleiche und haute sie mit seinem unwiderstehlichen Lächeln um, bevor er wieder aus der Tür verschwand, ohne fünf Worte benutzt zu haben. Schnell goss sie das dampfende Heißgetränk in seinen mitgebrachten Becher und reichte ihn ihm mit einem verstohlenen Blick. Er bezahlte, bedankte sich und war so schnell verschwunden, wie er gekommen war. Noch einen kleinen Augenblick sah sie ihm hinterher und wünschte sich, den Mut gehabt zu haben, ihn anzusprechen.

„Schafft ihr es, euch irgendwann einmal zu verabreden?“

Carley zuckte zusammen, als sie Susies Stimme dicht neben ihrem Ohr wahrnahm.

„Kleines, ich sag‘s dir nur ungern, aber es wird langsam ein wenig traurig. Wie lange muss ich eurem Geschmachte noch zusehen, bis einer von euch die Initiative ergreift?“

Carley wusste in ihrem Inneren, dass Susie vollkommen recht hatte, doch die Lust, dies mit ihr jetzt auszudiskutieren, war gleich null, denn insgeheim kannte sie die Lösung schon. Sie fand nur den dazugehörigen Mut nirgends. Also zuckte sie bloß mit den Schultern und wischte den blitzblanken Tresen noch sauberer. Susie lief kopfschüttelnd davon. Carley konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Sie kannte die ältere Dame noch nicht sehr lange, aber Carley hatte sie vom ersten Augenblick an in ihr Herz geschlossen. Sie war auch die Erste, die sie nach ihrer Ankunft in Newton kennengelernt hatte.

Carley war vor ein paar Monaten mit ihrem überdimensional großen Koffer in das kleine Café von Susie gestolpert, ohne recht zu wissen, wo sie hinwollte, noch wo sie die Nacht verbringen sollte. Rückblickend betrachtet war es ein wenig naiv von ihr zu glauben, dass es auf dem Land mehr Jobs gab als in der Stadt. Doch als ihre Ersparnisse langsam zu Ende gingen und sie immer noch keine feste Bleibe oder Arbeitsstelle in Calgary in Aussicht hatte, musste sie handeln. Ihr Freund James gab ihr den Tipp, dass es in den weniger besiedelten Teilen von Alberta möglicherweise mehr Jobs gab, da es Backpacker nicht ganz so oft in die abgelegeneren Gebiete verschlug. Carley sah es als ihre letzte Chance, packte ihre Sachen zusammen und nahm den nächstbesten Bus in ein kleines Städtchen namens Newton. Carley gefiel es hier auf Anhieb. Sie liebte die endlose Weite der Felder. Und natürlich war es ein Glückstreffer, dass sie Susie traf, welche ganz offensichtlich Mitleid mit ihr hatte. Denn als sie immer noch in ihrem Café saß, als sie zusperren wollte, bot sie ihr einen Schlafplatz für die Nacht an. Aus dieser einen Übernachtung wurden dann ein ganzer Monat plus ein Job als Barista.

Mittlerweile hatte sie ihre eigene kleine Wohnung gefunden. Sie lernte ein älteres Ehepaar kennen, welches eine Einliegerwohnung in ihrem Haus besaß. Edgar und Rose kamen täglich für einen Nachmittagstee in Susies Café und plauderten immer angeregt mit Carley. Als sie erfuhren, dass Carley nach einer Wohnung Ausschau hielt, boten sie sofort ihre an. Bereits eine Woche später konnte sie in ihr neues Heim einziehen. James lag also doch nicht ganz daneben mit den besseren Jobaussichten auf dem Land. Schließlich hatte sich für Carley alles zum Guten gewendet und sie würde sicher die nächste Zeit noch in Newton bleiben, bevor sie ihre Reise fortsetzte.

 

„Ich gehe jetzt, Liebes, sperrst du den Laden zu?“ Susie stand schon dick in ihren Mantel eingepackt an der Tür und kramte ihre

Handschuhe aus der Tasche.

„Ja klar, mach ich. Hab einen schönen Abend.“

Susie winkte zum Abschied, bevor sie sich raus in die Kälte wagte. Mit einem Blick durch das große Fenster an der Ladenfront sah Carley, dass es bereits wieder schneite. Der Winter in Alberta war lang und hart. Bis im März kletterten die Temperaturen auch tagsüber nicht mehr oft über den Gefrierpunkt und die Stadt selbst schien in einen Winterschlaf zu verfallen. Trotzdem liebte Carley diese Jahreszeit. Schon bald stand Weihnachten vor der Tür und überall gab es dann wieder bunte Lichter und überschwängliche Dekorationen. Auch wenn das meiste nur Kitsch war, erfreute sie sich jedes Jahr daran.

Als auch Carley Feierabend machte, schneite es noch immer dicke Flocken. Bei diesem Wetter konnte ihr nicht einmal mehr die Stirnlampe, auf ihrer abendlichen Joggingrunde, eine bessere Sicht verschaffen. Sie zog sich den Gesichtsschutz noch tiefer ins Gesicht und lief los. Dies hatte sich vor ein paar Wochen so eingependelt. Sie schloss den Laden und lief danach über einen Umweg nach Hause. Sie genoss die Stille der Natur und war auch schon bald außer Sichtweite der Stadt. Sie nahm jeden Abend die gleiche Route. Sie lief rauf auf den Hügel und kam durch den Wald hindurch wieder nach Newton. Die knapp zehn Kilometer halfen ihr, den Kopf frei zu bekommen und durchzuatmen, bevor sie es sich in ihrer Wohnung gemütlich machte. Sie konnte bisher noch nicht viele Freundschaften knüpfen, weshalb sie die meisten Abende alleine vor dem Fernseher verbrachte. Jedoch genoss sie die Zeit, welche sie nur für sich hatte. In ihrer Heimat war sie stets unterwegs gewesen. Jeden Abend war sie mit ihren Freunden auf der Piste und ihre Wohnung benutzte sie nur zum Schlafen. Sie dachte immer, dies sei das Leben, was sie wollte. Doch seit sie in Kanada lebte, erkannte sie, dass sie all das gar nicht brauchte. Ein gutes Buch oder eine spannende Serie reichten völlig aus, um einen schönen Abend zu verbringen. Natürlich wäre sie ab und zu auch gerne mal chic essen gegangen, aber im Endeffekt was es ganz gut so, wie es war. Sie wusste ja sowieso nicht, wie lange sie hierbleiben würde. Da reichte die Zeit wohl nicht für tiefergehende Freundschaften aus.

 

26. November

 

Die Glocke an der Eingangstür bimmelte, als diese aufgestoßen wurde. Nach einem kurzen Blick auf die Uhr wusste Carley, dass es Marty sein musste. Mit pochendem Herzen drehte sie sich zu dem neuen Gast um und blickte in die bekannten blauen Augen, des bestaussehendsten Cops der Stadt. Marty begrüßte sie wie gewöhnlich mit seinem Lächeln.

„Schreckliches Wetter da draußen“ entfuhr es Carley. Diese Bemerkung bereute sie jedoch schon mitten im Satz. Normalerweise führten sie keinen Smalltalk. Ihre Kommunikation bestand ausschließlich darin, seine Bestellung aufzunehmen und diese umfasste jeden Tag einen Cafe Americano to go. Als er nicht auf ihre Bemerkung einging, sondern nur zustimmend nickte, erkundigte sie sich schnell nach seinem Kaffeewunsch.

„Einen Cappuccino bitte“, sagte er, ohne eine Miene zu verziehen. Carley, die einen Moment brauchte, um das Gesagte zu verarbeiten, hielt mitten in ihrer Bewegung inne. Verwirrt sah sie ihn an. Einen Cappuccino? Noch nie hatte er etwas anderes als seinen geliebten Cafe Americano bestellt. Als er ihre Verwirrung wahrnahm, grinste er noch breiter. Als niemand etwas sagte, wiederholte Carley betont langsam seine Bestellung. „Okay, einen Cappuccino, kommt sofort.“ Als auch danach keine Einwände seinerseits zu hören waren, machte sie sich zögerlich an die Arbeit. Als sie ihm das fertige Getränk hinstellte und „vier Dollar fünfzig, bitte“ sagte, reichte er ihr wie gewohnt das Geld und flüsterte verschmitzt: „Man muss auch mal was Neues ausprobieren.“ Mit einem Zwinkern verabschiedete er sich und ließ eine völlig verdutzte Carley hinter dem Tresen zurück.

„Na, jetzt kommt doch langsam Schwung in die Beziehung“, rief Susie aus der anderen Ecke des Ladens, ohne den Blick von ihrer Tätigkeit zu lösen. Carley starrte unterdessen immer noch die Eingangstür an, als hätte sie gerade den Yeti höchstpersönlich getroffen.

 

„Ich geh dann, Liebes. Morgen kommt die Getränkelieferung. Könntest du ein wenig früher hier sein und mir helfen?“ Susie stand wie immer dick eingepackt in ihren Mantel schon halb in der Tür.

„Ja, sicher, ich komm dann gegen sechs Uhr. Hab einen schönen Abend.“

„Danke dir, bis morgen.“

Die Glocke bimmelte kurz und schon war Susie verschwunden. Sie war ein Gewohnheitstier, das wusste Carley genau. Sie würde jetzt runter in den Markt spazieren, einkaufen und für Bert das Nachtessen kochen. Bert arbeitete auf einer nahegelegenen Farm und kam immer erst spät und mit einem Bärenhunger nach Hause. Dort hatte Susie bereits das Nachtessen aufgetischt und er brauchte sich nur noch hinsetzen. Danach saßen die beiden vor dem Fernseher, bis sie einschliefen. Carley hatte das jeden Abend beobachtet, als sie bei ihnen wohnte. Am Anfang fand sie es irgendwie seltsam, aber mittlerweile hatte sie eine gewisse Routine auch für sich entdeckt, ansonsten würde sie nicht jeden Abend nach ihrer Schicht die gleiche Strecke laufen. Es gab ihr ein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle, welches sie so in ihrem Leben nie gekannt hatte.

Mit einem kurzen Blick auf die Uhr bemerkte sie, dass es auch schon Zeit für sie war, sich in ihre Joggingklamotten zu werfen und das Café zu schließen. Erst als sie die Lichter losch, fiel ihr auf, wie dunkel es draußen war, ohne die Lichtreflexion des Schnees. Dieser war nämlich im Laufe des Tages ausnahmsweise wieder geschmolzen und hatte nur braunen Matsch zurückgelassen. Kurz entschlossen kehrte sie noch einmal um, packte sich ihre Stirnlampe und lief los. Die Luft fühlte sich bedeutend kälter an als gestern und sie beschloss einen Zahn zuzulegen. Sie war die Strecke schon einmal unter fünfundvierzig Minuten gelaufen, also sollte dies heute auch möglich sein, schließlich wartete nach dem Training eine heiße Dusche auf sie. Ansporn genug, um sich ein wenig zu beeilen. Die erste Etappe lief gut. Die Steigung auf den Hügel machte ihr keine Probleme und schon bald erreichte sie den Wald. Zufrieden verlangsamte sie das Tempo ein wenig, um Kräfte zu sparen, als plötzlich eine Gestalt auf den Gehweg trat. Carley schrie auf und bremste abrupt. Sie versuchte vergebens die Helligkeit ihrer Stirnlampe zu verstärken, um eine bessere Sicht auf das überraschende Szenario vor ihr zu bekommen, doch sie bekam mit den Handschuhen den Schalter nicht richtig zu fassen. Der Fremde legte sich den Zeigefinger an die Lippen, ohne auch nur ein einziges Wort zu sagen. Carley war wie erstarrt. Sie wollte von hier weg, so schnell es nur möglich war, doch ihre Beine gehorchten nicht. Der Mann machte langsam einen Schritt auf sie zu, dann einen zweiten und einen dritten. Carley wich zurück, doch sie kam nicht weit, denn mit einer schnellen Bewegung stand er bereits vor ihr und packte sie an beiden Armen.

„Lassen Sie mich los! Was wollen Sie von mir?“ Carley versuchte sich mit aller Kraft zu wehren, doch er war mindestens einen Kopf größer als sie und stark wie ein Ochse. Sie würde sich nie aus seinem Griff befreien können. Scheppernd fiel ihre Stirnlampe auf den steinigen Waldboden. Ohne jetzt auch nur das Geringste sehen zu können, tat sie das, was ihr als Erstes in den Sinn kam. Sie schrie, so laut sie konnte. Immer wieder versuchte der Angreifer sie zum Schweigen zu bringen, doch sie

trat wild um sich. Sie war blind vor Angst und wollte nur noch weg von hier, deshalb hörte sie auch nicht, wie Autos mit Blaulichtern hinter ihnen parkten, bis der Fremde von ihr weg und auf den Boden gezerrt wurde. Erschrocken hielt sie inne und sah direkt in die erschrockenen Augen von Marty.

„Bist du okay?“, erkundigte er sich, während er den Angreifer immer noch auf den kalten Waldboden drückte. Sie nickte nur kurz, unfähig auch nur irgendetwas zu erwidern. Marty legte dem Mann Handschellen an und verfrachtete ihn auf den Rücksitz des Streifenwagens seines Kollegen. Danach kam er schnell zu ihr zurück, um sich zu vergewissern, dass ihr auch wirklich nichts fehlte. Er musterte sie genau von oben bis unten. Erst als er sich versichert hatte, dass sie unversehrt geblieben war, ließ er von ihr ab.

„Wie hast du mich gefunden?“ stammelte Carley.

„Uns wurde von mehreren Anwohnern, ein seltsam wirkender Mann gemeldet, der hier im Wald herumlungern soll. Da ich weiß, dass du immer hier joggen gehst, wollte ich kurz nach dem Rechten sehen. Und dies zum perfekten Zeitpunkt wie mir scheint.“

Carley nickte erneut. Plötzlich fühlte sie sich einfach nur noch müde.

„Komm, ich bringe dich nach Hause.“ Ohne auf eine Antwort zu warten, schob er sie Richtung Wagen.

 

27. November

 

„Ist es in Ordnung, wenn ich heute Vormittag meine Schicht kurz unterbreche? Ich muss meine Aussage auf dem Revier machen.“ Carley versuchte, es so beiläufig wie möglich gegenüber Susie zu erwähnen, doch dieser Plan ging nach hinten los. Susies schockierte Miene sprach Bände und so musste sie ihr in der nächsten halben Stunde alles genauestens über den gestrigen Vorfall berichten.

„Ab sofort gehst du nicht mehr alleine im Wald laufen“, sagte Susie bestimmt, als sie sich vom ersten Schock erholt hatte. „Ich wusste, dass es zu gefährlich ist.“

Carley verdrehte die Augen und befüllte weiterhin den großen Kühlschrank mit Getränken. „Es ist nicht gefährlich! Wer sollte sich schon nach Newton verirren? Hier gibt es mehr Kühe als Einwohner.“

„Tierschänder“, platzte es aus Susie heraus und Carley konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

„Dann hab ich ja nichts zu befürchten.“

„Ich meine es ernst, Carley. Wenn Marty nicht da gewesen wäre ... Ich möchte mir gar nicht vorstellen, was alles hätte passieren können.“

„Dann tue es nicht. Mir geht es gut, wirklich. Aber wenn es dich nachts besser schlafen lässt, dann werde ich nicht mehr im Wald joggen, okay?“

Dieser Vorschlag stimmte Susie nur bedingt milde, aber es war ein Anfang, deshalb nickte sie.

„Na komm, hilf mir kurz, dann sind wir fertig, bevor wir aufschließen“, wechselte Carley das Thema und reichte Susie ein Sixpack Cola.

 

Pünktlich um acht Uhr bimmelte die Eingangsglocke und Marty betrat das Café. Als er Carley bemerkte, lächelte er

und kam schnellen Schrittes auf sie zu.

„Hast du ein wenig geschlafen?“

Wow, so viele Worte auf einmal, die nicht das geringste mit seiner Bestellung zu tun hatten, dachte sich Carley und schmunzelte verblüfft.

„Einigermaßen“, antwortete sie wahrheitsgemäß. „Nochmals danke fürs nach Hause bringen. Und fürs Retten natürlich.“

Martys Augen leuchteten. „Sehr gerne, schließlich ist das mein Job.“

Carley nickte, rührte sich jedoch nicht von der Stelle. Als er sie ein wenig verwirrt anschaute, fragte sie schnell: „Was darf es denn heute sein? Einen Latte Macchiato? Einen Espresso?“

Jetzt schien auch der Groschen bei ihm gefallen zu sein und er lachte laut auf. „Einen Americano, bitte.“

So gut gelaunt hatte sie ihn ja noch nie gesehen, schoss es ihr durch den Kopf, als sie die Kaffeemaschine bediente. Vielleicht sollte sie sich öfters mal retten lassen.

 

28. November

 

Es war schon zehn Uhr, als Carley zum wiederholten Male auf die Uhr sah. Bei jedem Bimmeln der Eingangsglocke zuckte sie zusammen und blickte hoffnungsvoll und mit Schmetterlingen im Bauch zur Tür. Doch jedes Mal wurde sie bitter enttäuscht, denn es war immer nur irgendein Gast, der das Café betrat, es war nie der gutaussehende Polizist. Bestimmt war mit Marty alles in Ordnung. Es gab keinen Grund zur Sorge. Wie ein Mantra sagte sie sich diese Worte in ihrem Geiste immer wieder auf. Es war alles gut.

„Ist dein Ritter in glänzender Rüstung noch nicht aufgetaucht?“

Carley schüttelte nur niedergeschlagen den Kopf, ohne Susie auch nur anzuschauen. Sie wusste genau, mit welchem besorgten Blick sie sie ansehen würde.

„Vielleicht hat er heute frei? Oder er ist in die Ferien gefahren. Oder ...“

„... er wurde von einem Bus überrollt“, unterbrach Carley sie und bereute das Gesagte sogleich. „Tut mir leid, ich weiß, dass du es nur gut meinst.“

„Hatte er denn gestern bei deiner Aussage nichts gesagt?“

„Nein, wir haben nur die Ereignisse besprochen. Danach begleitete er mich zur Tür und sagte: bis Morgen. Das war alles.“

„Dann wird er auch noch kommen.“

Susie legte aufmunternd die Hand auf ihre Schulter, bevor sie weiter den Boden fegte. Doch er kam nicht. Nicht am Nachmittag oder kurz vor Feierabend. Er hatte sich kein einziges Mal blicken lassen. Niedergeschlagen sperrte Carley das Café zu und ging auf direktem Wege nach Hause. Es war eines der wenigen Male, dass sie nicht Laufen wollte. Nach dem gestrigen Vorfall war ihr nicht danach und auch, wenn es ihr gutgetan hätte,den Kopf frei zu bekommen, war ihr innerer Schweinehund stärker. Sie wollte sich nur noch auf ihrem Sofa zusammenrollen und Trübsal blasen. Heute war wirklich ein Tag zum Vergessen. Der Spaziergang half ihr bereits, die ganze Situation mit neuen Augen zu betrachten, und sie war nicht mehr ganz so niedergeschlagen wie noch vor einer Stunde. Es gab bestimmt eine logische Erklärung für seine Abwesenheit. Und wenn nicht, war es auch egal. Er war schließlich nicht verpflichtet, seinen Kaffee jeden Morgen bei ihnen zu bestellen. Es gab schließlich noch andere Läden, wo er das tun konnte. Plötzlich kam sie sich unendlich dumm vor. Was hatte sie sich nur darauf eingebildet? Hatte sie gehofft, ihre Rettung hätte ihre ganze Situation auf den Kopf gestellt? Dass er ihr plötzlich seine Liebe gestehen würde und sie glücklich bis in alle Ewigkeit lebten? Was für ein Schwachsinn! Carley schüttelte beschämt den Kopf und warf sich aufs Sofa. Hoffentlich würde das abendliche TV-Programm für ein wenig Abwechslung sorgen.

 

29. November

 

Der Vormittag verging schnell und der Laden war brechend voll. Dies war meistens so an den Freitagen. Die Leute waren gut gelaunt und nahmen sich am Tag vor dem Wochenende extra viel Zeit für ihren Kaffee oder einen kleinen Plausch mit den Baristas. Carley arbeitete besonders gerne an diesen Tagen. Die Stimmung war stets ausgelassen und das Trinkgeld meistens doppelt so hoch wie an allen anderen Tagen. Doch heute fand sie ihr Lächeln nicht. Marty war wieder nicht aufgetaucht und langsam machte sich ein mulmiges Gefühl in ihr breit. Als es etwas ruhiger wurde, beschloss sie, sich Rat bei Susie zu holen.

„Langsam mache ich mir wirklich Sorgen um ihn. Ich verstehe nicht, wieso er plötzlich nicht mehr ins Café kommt. Vielleicht ist ihm etwas passiert.“

„Liebes, ich verstehe deine Sorge um ihn, aber ich bin mir sicher, dass alles in Ordnung ist.“ Susie lächelte sie aufmunternd an, doch ihre gutgemeinten Worte zeigten nicht annähernd die gewünschte Wirkung.

„Okay, lass mich mal sehen, was ich herausfinden kann. Bert und ich sind morgen Abend mit Martys Chef zum Abendessen verabredet. Vielleicht ergibt sich eine Gelegenheit, damit ich ihn darauf ansprechen kann.“

Carley fühlte sich nun zwar wie ein Stalker, aber ihr Drang nach Gewissheit war stärker. „Das wäre sehr lieb, danke dir.“

Susie bedachte sie mit ihrem mütterlichen Lächeln, so wie sie es immer tat, wenn sie wieder mal eine Lösung für ein Problem gefunden hatte.

 

30.November

 

Carley hatte heute ihren ersten freien Tag seit einer gefühlten Ewigkeit. Da ein Barista im Café seit Längerem ausgefallen war, sprang sie immer wieder ein, wenn Susie zu wenig Personal hatte. Das Geld konnte sie gut gebrauchen, keine Frage. Aber nun merkte sie, wie der Stress der letzten Tage an ihrem Körper zehrte, und sie freute sich auf einen Ausflug in die Stadt. Sie wollte unbedingt wieder einmal shoppen gehen. Sie brauchte dringend wärmere Kleidung, denn der kanadische Winter war unerbittlich. Außerdem stand schon bald der erste Advent vor der Tür. Um auch ein wenig in weihnachtliche Stimmung zu kommen, wollte sie ihre Wohnung und den dazugehörigen Garten schmücken.

Wie die Amerikaner waren auch die Kanadier Meister in der Weihnachtsdekoration, weshalb sie bald fand, wonach sie suchte. Sie entschied sich für ein Rentier mit LED-Lampen, Lichterketten, dazu dekorativen Baumschmuck und Lametta, mit welchem sie die kleine Tanne im Vorgarten schmücken wollte. Außerdem kaufte sie einen dicken Wintermantel, den dazu passenden Schal und Handschuhe. Nach einem Coffee to go von der örtlichen Kaffeekette, machte sie sich wieder auf den Weg nach Hause.

Es war schon dunkel, als sie ihre Wohnung erreichte und sie war froh, hatte sie doch ihr Lauftraining bereits am Vormittag absolviert. So stand einem gemütlichen Abend mit ihrer Lieblingsserie nichts mehr im Wege. Gerade als sie sich auf ihrem Sofa eingekuschelt hatte, klingelte ihr Handy. Leicht genervt rappelte sie sich wieder auf und schlurfte zum Küchentisch. Natürlich hatte der Anrufer bereits aufgelegt, als sie abheben wollte. Mürrisch sah sie nach, wer denn der abendliche Störenfried war. Doch sie erstarrte in ihrer Bewegung, als sie die fünf Anrufe in Abwesenheit bemerkte, allesamt von der gleichen Nummer, alle von Susie. Ein ungutes Gefühl kroch ihre Gliedmaßen hoch und sie drückte sofort die Rückruftaste. Viel zu lange dauerte das Klingeln, bis sich Susie endlich am anderen Ende der Leitung bemerkbar machte.

„Ist etwas passiert?“, platzte Carley heraus, ohne Susie die Möglichkeit zu geben, etwas zu sagen.

„Hey, Liebes, ich kann nicht lange sprechen. Aber du hattest recht, was Marty angeht. Er wurde während seiner Schicht am Mittwoch verletzt. Er liegt zurzeit im County Memorial Krankenhaus. Sein Zustand war eine Zeit lang kritisch, aber jetzt scheint es ihm besser zu gehen. Mehr konnte ich nicht herausfinden. Tut mir leid.“

Carley gefror das Blut in den Adern. Ihr Gefühl hatte sie doch nicht getäuscht. Sie brauchte einen Moment, bis sie wieder fähig war zu sprechen.

„Danke dir, Susie. Hab noch einen schönen Abend.“

Carley warf ihr Handy resigniert auf die Couch, während ihre Gedanken sich überschlugen. Sie musste wissen, wie es ihm geht. Sie musste ins Krankenhaus fahren und sich selbst davon überzeugen, dass er noch am Leben war. Schnell packte sie ihre Schuhe und den Mantel und war schon halb aus der Tür raus, als sie sich eines Besseren besann. Was sollte das? Es war nach zwanzig Uhr. Sie konnte doch nicht einfach ins Krankenhaus stürmen, um einen Mann zu besuchen, den sie kaum kannte. Vielleicht saß in diesem Augenblick seine Ehefrau an seinem Bett und hielt seine Hand. Sie widerstand dem Drang herauszufinden, wie es ihm geht, und setzte sich wieder auf die Couch. Morgen war auch noch ein Tag. Wenn sie ihn dann immer noch unbedingt besuchen wollte, dann konnte sie das zu den üblichen Besuchszeiten tun. Reiß dich zusammen, murmelte sie vor sich hin. Du verhältst dich wie ein verliebter Teenager.

 

01. Dezember – 1. Advent

 

Als Carley die Eingangshalle des Krankenhauses betrat, war es bereits später Nachmittag. Sie rang schon den ganzen Tag mit sich, entschied sich aber letzten Endes doch für einen Besuch. Im schlimmsten Fall würden sie zwei oder drei gequälte Sätze austauschen, bevor sie beschämt wieder ging. Vielleicht würde er ab diesem Zeitpunkt dann definitiv nicht mehr in Susies Café kommen, aber dieses Risiko musste sie eingehen. Bei der Empfangsdame erkundigte sie sich nach seiner Zimmernummer und machte sich mit pochendem Herzen auf die Suche durch die endlosen Gänge. Überall hing bereits Weihnachtsschmuck und Lichterketten, um für die Patienten die Vorweihnachtszeit so festlich wie möglich zu gestalten. Keine einfache Aufgabe an einem Ort wie diesem. Diejenigen, die zu dieser Jahreszeit hier festsaßen, waren bestimmt nicht gerade erfreut darüber. Endlich Zimmer 206 erreicht, blieb sie einen Moment stehen, atmete tief durch, schloss die Augen und klopfte an die Tür. Carley lauschte angestrengt, doch der Trubel um sie herum verhinderte, dass sie hören konnte, was im Inneren des Zimmers vorging. Sie klopfte erneut, doch als wieder keine Antwort kam, beschloss sie leise einzutreten. Im Zimmer stand nur ein einziges Bett, welches ans Fenster geschoben war. Monitore gaben fremdartige Geräusche von sich, doch ansonsten war es still. Sie trat ein wenig näher, um einen Blick auf das Bett zu erhaschen. Da lag er, schlafend, mit blauen Flecken im Gesicht und einem bandagierten Arm. Er sah völlig hilflos aus, ganz anders, als in seiner autoritären Uniform. Seine Brust hob und senkte sich, doch dies war das einzige Lebenszeichen, was sie von ihm bekam. Für einen Augenblick war sie unfähig sich zu bewegen. Sie wollte gehen, wollte raus aus diesem Zimmer, wollte ihn nicht so sehen, doch ihre Beine gehorchten nicht. Also blieb sie stehen und konzentrierte sich auf seine gleichmäßigen Atemgeräusche. Er war am Leben, das war doch gut, schoss es ihr durch den Kopf. Du hast nun deinen Beweis, also los, verschwinde hier wieder. In ihrem Kopf schrie es förmlich, doch sie wollte nicht gehen, nicht ohne ein Zeichen zu hinterlassen. Kurz entschlossen kramte sie ein Stück Papier und einen Stift aus

ihrer Handtasche und begann zu schreiben:

 

Lieber Marty 

Ich hoffe, du kommst bald wieder auf die Beine. Ich wollte nur mal nachsehen, wie es dir geht. Bitte entschuldige die Störung.

Alles Liebe

Carley

 

Schnell legte sie den Zettel auf das Tischchen neben seinem Bett und rannte, so schnell sie konnte, aus dem Zimmer. Erst als ihr die kalte Winterluft ins Gesicht schlug, blieb sie mit pochendem Herzen stehen. Was hast du dir nur dabei gedacht, schimpfte sie innerlich mit sich selbst. Doch für ein Umdenken war es nun zu spät. Sie hätte mal lieber vorher überlegen sollen, bevor sie einem Fremden im Koma einen Liebesbrief hinterließ. Jedoch konnte sie jetzt eh nichts mehr daran ändern. Hoffen und beten war angesagt.

 

02. Dezember

 

„Du warst scheinbar gestern im Krankenhaus, hab ich recht?“

Carley hatte noch nicht einmal den Laden richtig betreten, als Susie ihr dies hinter der Kaffeemaschine hervor zurief.

„Ähm“, Carleys Gedanken rasten. Woher konnte sie das jetzt schon wissen? Es war gerade mal zwölf Stunden her, dass sie Martys Zimmer verlassen hatten. „

Woher weißt du das?“, fragte sie schließlich vorsichtig.

„Ich hab hier eine Nachricht für dich.“ Mit einem verschmitzten Lächeln wedelte Susie mit einem Stück Papier vor sich herum. „Ich wusste ja gar nicht, dass ihr schon bei einer Brieffreundschaft gelandet seid.“

„Ich auch nicht“, murmelte Carley und nahm hastig Susie den Zettel aus der Hand. Mit pochendem Herzen versuchte sie, die Schrift zu entziffern.

 

Liebe Carley

Schade, dass ich dich verpasst habe. Ich hätte mich sehr über deinen Besuch gefreut. Mir geht es

schon besser, keine Sorge. Aber woher wusstest du, dass ich im Krankenhaus bin?

M.

 

Carley konnte nicht fassen, was sie da las. Er hatte tatsächlich geantwortet und war allem Anschein nach nicht einmal wütend, dass sie sich in sein Zimmer geschlichen hatte. Gedankenversunken ließ sie den Zettel sinken.

„Was machst du denn für ein Gesicht? Bist du nicht glücklich darüber? War doch nett, was er geschrieben hat.“

„Was soll ich jetzt nur tun?“, platzte es aus Carley heraus, ohne den Fragen von Susie auch nur die geringste Aufmerksamkeit zu schenken.

„Na, du rufst ihn an. Was den sonst? Er scheint auf eine Antwort zu warten.“

 

Den ganzen Tag über hatte sich Carley zurechtgelegt, was sie am Telefon zu ihm sagen würde. Doch jetzt, wo sie die Zeit hatte, mit ihm zu sprechen, war alles weg. Ihr Kopf war leer und es fiel ihr kein einziger gerader Satz mehr ein. Trotzdem wählte sie mit zittrigen Fingern die Nummer, welche ihr Susie notiert hatte. Nach endlos scheinendem Klingeln meldete sich eine Frauenstimme. Carley erkundigte sich nach Marty, doch der schien gerade nicht in seinem Zimmer zu sein. Die nette Frau am anderen Ende der Leitung, wollte wissen, ob sie ihm eine Notiz hinterlassen sollte. Nach kurzem Überlegen, sagte Carley, ja, das können sie. Bitte sagen sie ihm folgendes von mir:

 

Hey Marty

Vielen Dank für deine Nachricht. Dein Chef war die Plaudertasche. Smiley. Aber ich bin froh, dass es dir besser geht. Ich habe mir Sorgen gemacht.

C.

 

Sie bedankte sich bei der Frau und legte hastig auf. Zugegeben war diese Situation viel einfacher gewesen, als wenn sie persönlich mit ihm hätte sprechen müssen. Sollte doch er versuchen, sie zu erreichen.

 

12. Dezember

 

„Habt ihr jungen Leute die Vorteile von SMS noch nicht mitbekommen? Ich komme mir vor wie in den fünfziger Jahren, als Verliebte noch Briefe schreiben mussten, anstatt sich wie wild Textnachrichten zu senden. Ich bin nicht euer Liebesbote!“

Carley musste schmunzeln bei Susies Schimpftirade. Zugegebenermaßen war sie jedoch wirklich zu einer Art Botin geworden. Es hatte sich mittlerweile so eingependelt, dass Marty jeden Morgen vor ihrer Schicht ihr eine Nachricht bei Susie hinterließ. Carley tat am Abend dann das Gleiche bei der schon leicht genervten Nachtschwester im Krankenhaus. Kein einziges Mal hatten sie und Marty bis jetzt persönlich miteinander gesprochen, sie schickten sich ausschließlich diese Nachrichten. Aber Carley fand das irgendwie romantisch. Sie lernten sich so besser kennen, ohne in peinliches Schweigen zu geraten, wie das bei einem miserablen ersten Date hätte sein können. Carley nahm Susie den Zettel aus der Hand und gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Danke, Amor“, flüsterte sie amüsiert und verschwand in den Lagerraum.

 

Gestern musste ich vor einer liebeskranken Krankenschwester fliehen, die mit einem Mistelzweig in der Hand herumgerannt ist. Ich liebe Weihnachten, aber gewisse Leute fangen immer an zu spinnen, wenn die Feiertage näher rücken. Wo wirst du die Festtage verbringen?

M.

 

Bei dem Gedanken an Marty, wie er versucht, vor einem Mistelzweig zu fliehen, musste sie lachen. Zu gerne hätte sie das Spektakel gesehen.

 

Heutzutage ist man vor Groupies nirgends mehr sicher. Ich würde mich beim Chefarzt beschweren. Zwinkersmiley. Vielleicht wollten sie auch nur schauen, ob du wieder gefährlichen Verbrechern hinterherrennen kannst. Ich werde Weihnachten in Newton verbringen, vielleicht bei Susie. Mal schauen, was sich ergibt. Was hast du vor?

C.

 

23. Dezember

 

„Ist das eine Art Adventskalender, was ihr da veranstaltet? Anstatt Türchen, die man täglich öffnet, gibt es ein Zettelchen pro Tag?“ Susie hatte sich an ihren neuen Job als Liebesbriefbotin gewöhnt, trotzdem konnte sie sich ihren Kommentar dazu nie verkneifen.

„Ja, so ist es. Du hast recht. Anstatt eines Stückchens Schokolade, gibt es etwas fürs Herz. Ist besser für die Figur. Solltest du Bert mal vorschlagen.“

Susie verdrehte die Augen, verkniff sich aber einen weiteren Spruch. Insgeheim freute sie sich für die beiden, das wusste Carley genau. Also ging sie mit einem zuckersüßen Lächeln auf Susie zu, um die neueste Nachricht von Marty in Empfang zu nehmen.

 

Morgen darf ich das Krankenhaus verlassen. Wenn du immer noch nichts vorhast, würde ich dich gerne am Abend zum Essen einladen. Dies bin ich dir schuldig, nachdem du mich die letzten Wochen hier so gut unterhalten hast. Was denkst du?

M.

 

Carley blieb beinahe das Herz stehen. Bat er sie wirklich um ein Date? Und das an Heiligabend? Vorfreude und Angst machten sich gleichermaßen in ihrem Körper breit. War sie wirklich bereit für ein echtes Gespräch mit ihm? Ohne Papier und Stift, von Angesicht zu Angesicht? Carley beschloss, dies erst einmal sacken zu lassen, und schnappte sich ihre Schürze. Heute war ihr

letzter Arbeitstag vor den Weihnachtsferien. Sie würde also keine weitere Antwort mehr von ihm erhalten. Aber dies war eigentlich auch egal. Es stellten sich für sie keine Fragen mehr. Sie musste nur noch ja oder nein sagen. Mehr war nicht mehr zu tun. Gedankenverloren stellte sie sich hinter den Tresen, ohne Susies strengen Blick zu bemerken.

„Eigentlich dachte ich, du kommst jetzt hüpfend und bestens gelaunt nach vorne. Wieso ist das nicht so?“ Susie blieb vor ihr stehen und machte keine Anstalten wieder wegzugehen, ehe sie eine befriedigende Antwort erhielt.

„Er will ein Date.“

„Ich weiß! Ich bin euer persönlicher Briefbote, schon vergessen?“

„Er will ein echtes Date. Mit essen gehen und so.“

„Ja, ich weiß, was ein Date normalerweise beinhaltet. Erzählst du mir jetzt noch das Problem daran?“

„Was ist, wenn wir uns nichts mehr zu sagen haben? Er ist nicht der Gesprächigste, das weißt du. Was ist, wenn wir uns das ganze Essen über anschweigen?“

Langsam stieg Panik in Carley auf. Vielleicht war es keine gute Idee, sich mit ihm zu treffen. Sie kannten sich ja im Grunde noch gar nicht.

„Atme mal tief durch, Liebes. Was kann schon Schlimmes passieren? Vielleicht habt ihr euch nichts zu sagen, dann ist es eben so. Eure Wege werden sich wieder trennen und er kommt schlimmstenfalls nicht mehr in unser Café. Na und? Wegen eines Cafe Americanos weniger, werden wir schon nicht pleitegehen. Vielleicht wird es aber auch großartig und die Chemie stimmt wirklich. Willst du diese Chance verstreichen lassen? Und das an Heiligabend? Hast du denn gar nichts aus dem Film Das Wunder von Manhattan gelernt?“

Carley getraute sich nicht zuzugeben, dass sie diesen Film nie gesehen hatte. Aber sie gab Susie in einem Punkt recht, sie hatte nichts zu verlieren und außerdem stand Heiligabend alleine zu verbringen nicht gerade auf ihrer To-do-Liste.

„Danke, Susie“, sagte sie und legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Du findest immer die richtigen Worte.“

 

Zu Hause angekommen wählte Carley sofort die Nummer des Krankenhauses. Caren, die Nachtschwester, nahm ihren Anruf entgegen. Mittlerweile wurde auch sie zu einer Art Freundin. Sie hatte oft Dienst, wenn Carley die Nachrichten für Marty hinterließ und sie fand es allem Anschein nach süß, denn sie beschwerte sich nie. „Hey Carley, schön wieder mal von dir zu hören, ist lange her“, scherzte sie.

„Hi Caren, ja schon viel zu lange. Wie geht es deinen Kindern? Haben sie die Grippe überstanden?“

„Ja, danke der Nachfrage. Sie sind wieder putzmunter und tanzen mir auf der Nase herum. Was darf ich heute ausrichten?“

„Schreib bitte: 19.00 Uhr, 2-52 Walgreen Terrrace, C.“

„Bedeutet es etwa das, was ich denke?“, Carens Stimme überschlug sich fast.

„Wir werden sehen. Ich rufe dich nach Weihnachten wieder an. Mach‘s gut und frohe Festtage.“

Carley legte auf und hoffte inständig auf ein Weihnachtswunder. Jetzt hieß es abwarten, Tee trinken und möglichst nicht durchdrehen bis morgen Abend.

 

24. Dezember

 

Punkt neunzehn Uhr klingelte es an ihrer Haustür. Carley warf noch einen letzten prüfenden Blick in ihren Spiegel, bevor sie den Gast hereinließ. Sie hatte sich für ein knielanges schwarzes Kleid und einen beerenfarbenen Blazer entschieden. Ihr Outfit war chic, aber nicht zu aufgestylt. Da sie nicht wusste, wohin er sie ausführte, wollte sie für alle Situationen wenigstens ein wenig passend gekleidet sein. Nach einem letzten tiefen Atemzug öffnete sie die Tür. Vor ihr stand Marty, in einem dunkelblauen Anzug und mit diesem gewohnt unwiderstehlichen Lächeln. Er hielt ihr einen wunderschönen Strauß Blumen entgegen. „Für dich“, fügte er rasch hinzu, als Carley etwas zögerlich sein Präsent entgegennahm.

„Ein wahres Weihnachtswunder“, flüsterte sie leise und schmunzelte glücklich. Mit einem Mal waren alle ihre Ängste verschwunden. Marty strahlte etwas Vertrautes aus. So, als würden sie sich schon seit Jahren kennen und sie war sich plötzlich sicher, dass ihr ein wundervoller Abend bevorstand.

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Sylvia (Donnerstag, 20 Februar 2020 10:31)

    Ohhh, ich bin ja eigentlich kein Liebesgeschichtenleser, aber die ist so schön und süß geschrieben �� Ganz toll �