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Wie das Schreiben Dich in Trauerphasen unterstützen kann

Gastartikel von Sabrina Steiner

Seit einigen Jahren bin ich bereits mit Cindy befreundet, was einer der grössten Glücksfälle in meinem Leben ist. Sie inspiriert mich durch ihre kreative und feinfühlige Art immer wieder. Ihr Dasein ist für mich so wertvoll, dass ich mich gerne voller Dankbarkeit an den Tag erinnere, an welchem wir uns kennenlernten. Wie es das Leben aber so mit sich bringt, sind wir in dieser Zeit nebst vielen schönen Erlebnissen auch mit Verlusten konfrontiert worden.

 

Es ist ein grosses Geschenk, solch wunderbare Freunde im Leben zu haben. Gerade in schweren Zeiten bietet es grossen Halt. Trotz aller Freundschaft gibt es jedoch keine Abkürzung auf dem Weg aus der Trauer. Ob alleine, mit Freunden oder der Familie an der Seite: Es benötigt seine Zeit, Dich mit der eigenen Trauer auseinanderzusetzen. Jeder Mensch hat seinen eigenen Weg und sein individuelles Tempo mit einem Verlust umzugehen. Denn der Verlust passt in keine Schublade. Daher gibt es auch keinen richtigen oder falschen Umgang mit Deinen Gefühlen. Das Einzige was ich Dir hier mitgeben möchte? Höre

auf Dein Herz und seine Bedürfnisse, tue was Dir guttut und lasse Dir von niemandem einreden, es bestehe ein Grund zur Eile.

Dennoch musst Du den Weg durch die Trauer nie alleine gehen. Hole Dir Unterstützung, wenn Du bemerkst, dass es Dir zu viel wird. In diesem Artikel zeige ich Dir heute eine Hilfestellung, welche ich in meinen Trauerbegleitungen öfters empfehle. Probiere sie gerne aus und finde heraus, ob sie für Dich hilfreich ist.

 

Vom Herz aufs Papier

 

Wenn Du einen Verlust erlitten hast, herrscht in Deinen Gedanken des Öfteren ein ziemliches Chaos. Herumwirbelnde Gedanken sind aus eigener Erfahrung keine wirkliche Bereicherung für Deinen Energiehaushalt. Sie hindern Dich daran, die

schmerzenden Themen anzuschauen, anzunehmen und loszulassen. Dein Kopf ist voller Emotionen, Erinnerungen und Geschichten, welche Du mit Deinem Verlust verbindest. Wenn Dein lieber Hund gestorben ist, siehst Du vielleicht Bilder von besonders schönen gemeinsamen Spaziergängen vor Deinem inneren Auge. Oder Du hörst in Deinen Ohren offene Diskussionen, welche Du mit Deinem verlorenen Vater noch ausfechten wolltest. Manchmal reicht die Zeit auf Erden leider nicht aus. Um alle offenen Fragen zu klären. Alle schönen Dinge gemeinsam zu erleben. Klärende Gespräche zu führen.

 

Meine Erfahrungen zeigen mir, dass es heilsam sein kann, unsere Gefühle schriftlich festzuhalten. Gerade in Zeiten, in denen Dich der Schmerz und die Ohnmacht über unseren Verlust einzuholen droht, kann das Schreiben eine besonders gute Wahl sein. Indem Du die Gedanken in Worte fasst, beginnst Du zu reflektieren, lässt sie zu und kannst so Deine Gefühle einfacher

annehmen. Ebenfalls wird dadurch in Deinem Kopf wieder Kapazität frei, welche Du mit neuen Emotionen füllen kannst.

Indem Du Dir die Zeit nimmst, Deinen Gedanken ihren Raum zu geben, respektierst Du Deine Trauer als das, was sie ist. Eine reale Gelegenheit, Dich mit Deinen Gefühlen auseinanderzusetzen und Dir hilft, viele Lebensfragen besser zu verstehen. Schön finde ich es persönlich, mir zu diesem Anlass einen schönen Stift und ein hübsches Notizbuch zu besorgen. Dies ist jedoch kein Muss. Lose Blätter oder ein klassischer Ringblock erfüllen ebenso ihren Zweck. Verfass die Zeilen so, wie es für dich am besten

passt. Wenn du bevorzugt am PC schreibst, dann kannst Du gerne ein Word-Dokument verwenden. Gedanken um fehlendes Schreibtalent sind hier ebenso fehl am Platz wie die um das richtige Schreibutensil. Lass Dir von ihnen also keine komischen Ideen einreden und fang völlig frei von Wertungen an, loszuschreiben.

 

Welche Formen von Schreiben können helfen?

 

Alles was sich für Dich gut anfühlt, kann Dich unterstützen, Deinen Kopf frei zu bekommen und somit das Gedankenkarussell zu stoppen. Ob Du Deine Gefühle in Form eines Tagebuchs niederschreibst, Briefe an die verstorbene Person verfasst, Deine Gedanken in einem Forum veröffentlichst oder Gedenkseite auf einem Internetportal erstellst, welche Du nach Deinen Wünschen gestaltest. Es spielt keine Rolle, ob die Texte aus Dir nur so rauspurzeln und sich im ersten Moment wirr anhören

oder ob Du sie nach einer bestimmten Struktur verfasst. Alles was sich für Dich

gut anfühlt, kann Dir helfen, Deinen Kopf frei zu bekommen und das Gedankenkarussell zu stoppen.

 

Vielleicht möchtest Du ja sogar ein Fotoalbum voller Erinnerungen erstellen? Oder Du wagst Dich an eine Geschichte in Buchform, ob fiktiv oder real: Alles ist erlaubt. Vielleicht hast Du den Wunsch einen Blog über Deine Gedanken zu erstellen? Was immer Dein Herz begehrt, lass es zu. Nebst dem Sortieren deiner Gefühle kann Dich das Schreiben bei weiteren Aspekten unterstützen.

 

Der Mensch vergisst schnell

 

Du kannst es mir jetzt wahrscheinlich nicht glauben. Aber es werden wieder andere Zeiten kommen. Am Anfang spürst Du diese durch feine Anzeichen. Vielleicht freust Du Dich wieder über ein leckeres Essen oder hast eine Verabredung besonders genossen. Das grosse Ziel ist es nicht, mit der Zeit Wunden zu heilen, verlorene Menschen zu vergessen oder «über sie hinwegzukommen». Auf keinen Fall sollst Du das. Denn Deine geliebten Menschen haben Dich zu dem gemacht, was Du heute bist. Mit allen Erinnerungen und Gefühlen. Verluste, welche Du erlitten hast, werden für immer Teil Deines Lebens sein. Dennoch glaube ich, dass die Zeit uns hilft, wieder vorwärts schauen zu können. Wenn wir diese nutzen, um die Trauer zu verarbeiten und die Vergangenheit zu reflektieren, anzunehmen und schmerzhafte Punkte loszulassen, wird sich ihre Qualität wieder verändern.

 

Raum für Erinnerungen

 

Der Mensch ist superschlau konzipiert: Schmerzen vergisst er gut und gerne. Dennoch gibt es zwischendurch immer wieder Phasen, in denen wir schlechtere Tage haben. Die Trauer verändert sich zwar in der Regel, dennoch begleitet sie uns in unserem Leben immer mal wieder. Aus diesem Grund ist das Schreiben so wertvoll. Denn mit unserer Weiterentwicklung ist es ähnlich gestrickt. Wir sehen oft gar nicht, welche grossen Entwicklungen wir bereits gemacht haben. Denn sie entsteht durch viele kleine Schritte. Während dem Weitergehen, gewöhnen wir uns bereits an die neue Normalität und nehmen sie oft nicht mehr bewusst wahr. Durch das regelmässige Lesen Deiner Texte kannst Du Dir in Erinnerung rufen, an welchem Punkt Du heute stehst und wieviel Du bereits erreicht hast.

 

Die Angst vor dem Vergessen

 

Mir ging es damals beim Tod meiner Mutter so. Schon nach kurzer Zeit hatte ich Angst, sie irgendwann zu vergessen. Nicht mehr zu wissen, wie ihre Stimme klingt oder ich mich in ihrer Anwesenheit fühlte, ihre Art mir mütterliche Ratschläge zu geben, den Duft, welcher sie umgab. Der Gedanke war für mich unerträglich, dass sie und alles was sie ausmachte, einfach vergessen gehen könnte. Kurz nach ihrer Beerdigung habe ich mir deshalb eine Flasche des Parfüms gekauft, welches sie seit ich denken kann, benutzte.

 

Inzwischen ist der Gedanke um das Vergessen für mich dank jahrelanger Trauerarbeit und vielen bewusst erschaffenen Erinnerungen nicht mehr wirklich real. Denn ich weiss, dass ein Teil von ihr für immer in meinem Herzen und meinem Bewusstsein weiterleben wird. Zu Beginn half es mir jedoch sehr, zu wissen, dass ich die Erinnerungen jederzeit gezielt abrufen kann. Den Raum und die Zeit schenkte ich mir beim Aufschreiben von Geschichten, welche wir gemeinsam erlebten sowie offener Fragen, welche ich ihr noch stellen wollte.

 

Wenn sich die Trauer heute wieder mal zeigt, habe ich meine Erinnerungskiste. Mit einer Kerze, schöner Musik und manchmal einer Packung Taschentücher kann ich mir bewusste Inseln schaffen, um meine Gefühle zu durchleben. Dieses Ritual ist für mich äusserst wohltuend und hat mir durch so manche schwierige Zeit geholfen.

 

Ich wünsche Dir, dass Du einen guten Umgang mit Deiner Trauer findest und auf Dein Herz hören kannst. Sei gut zu Dir und hole Dir Unterstützung, wenn Du merkst alleine nicht weiter zu kommen. Denn: Gemeinsam ist alles leichter.

 

Alles Liebe.

Sabrina

Über Sabrina Steiner:

Sabrina Steiner lebt, liebt und lacht in Südbaden. Als Trauerbegleiterin und Lebensbotschafterin steht sie im deutschsprachigen Raum für Deine Fragen rund um Trauer, Sterben, Tod und Endlichkeit zur Seite. In persönlichen Gesprächen, bei Workshops für Firmen und Privatpersonen oder auf Vorträgen spricht sie offen, verständnisvoll und mit frischen Impulsen über diese oft verdrängten Themen und deren Chancen. Die grossen Lebensfragen stellt sie sich selbst in regelmässigen Abständen, seit sie in jungen Jahren einige Verluste erlebte. Sie steht für ein Leben nach Deinen eigenen Wünschen und Vorstellungen ein und inspiriert mit ihrem Tun für neue Lebensmodelle.

 

Auf ihrer Webseite www.sabrinasteiner.com findest Du weitere Angaben zu ihr und ihrer Arbeit.

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